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22.10.2026

»Einem Kind ein sicheres Zuhause geben« - Pflegeeltern gesucht

Interview mit Martina Bruhn, Teamleitung des Pflegekinderdienstes im Jugendamt des Landratsamtes

Kinder brauchen Menschen, die verlässlich für sie da sind – manchmal für eine begrenzte Zeit, manchmal bis zur Verselbständigung. Pflegefamilien übernehmen genau diese Aufgabe: Sie öffnen ihr Zuhause für ein Kind, das vorübergehend oder dauerhaft nicht bei den eigenen Eltern leben kann, und werden für dieses Kind zu einer festen Bezugsperson.
Doch wer kann eigentlich Pflegeeltern werden? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, welche Unterstützung gibt es – fachlich wie finanziell? Und wie sieht der Alltag mit einem Pflegekind tatsächlich aus, zwischen schönen Momenten, Geduldsproben und zwei Familien, die für das Kind eine Rolle spielen?
Über diese Fragen haben wir mit Martina Bruhn gesprochen. Sie leitet den Pflegekinderdienst im Jugendamt des Landratsamtes Schwarzwald-Baar-Kreis und begleitet gemeinsam mit ihrem Team Pflegefamilien von der ersten Information über die Vorbereitung bis hinein in den Familienalltag. Im Interview gibt sie Einblicke in eine Aufgabe, die herausfordernd sein kann – und die vor allem eines ist: bereichernd.

Redaktion: Was bedeutet es, Pflegeeltern zu sein?
Martina Bruhn: Pflegeeltern zu sein heißt, sich auf etwas Neues einzulassen und einem Kind für eine gewisse Zeit oder auf Dauer ein sicheres Zuhause zu bieten und als verlässliche Bezugsperson da zu sein. Das heißt, dass viele Pflegekinder bis zu ihrer Verselbständigung in der Familie leben und so ein volles Familienmitglied werden. Immer wieder hören wir, dass dies sehr erfüllend und bereichernd für die Familie ist, aber auch manchmal emotional herausfordernd. Die Besonderheit bei Pflegekindern ist natürlich, dass sie im Grunde zwei Familien haben. Das heißt, die Eltern, Geschwister und Großeltern spielen in manchen Fällen weiterhin eine wichtige Rolle für die Kinder.

Redaktion: Wer kann Pflegeeltern werden? Was sind die Voraussetzungen, um ein Kind bei sich aufzunehmen?
Martina Bruhn: Wir haben Pflegeeltern, die verheiratet sind oder auch nicht, gleichgeschlechtliche Paare genauso wie Einzelpersonen. Es gibt Pflegefamilien, deren eigene Kinder schon aus dem Haus sind und die sich nochmals engagieren wollen. Für uns gehört dazu, vor allem Freude am Leben mit Kindern zu haben. Pflegeeltern haben einen guten Blick auf die kindlichen Bedürfnisse und sind bereit, sich auf einen Beziehungsaufbau mit dem Kind einzulassen. Sie leben in stabilen Lebensverhältnissen und sind offen für Neues. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, eine gewisse Flexibilität mitzubringen und natürlich Humor. Das macht so manches gleich leichter.

Redaktion: Wie sieht der klassische Weg aus, wenn man Pflegeeltern werden möchte?
Martina Bruhn: Wir sind immer offen für Menschen, die Interesse haben, Pflegeeltern zu werden. Der Zugang kann hier durchaus flexibel sein, über Empfehlungen, über direkte Kontaktaufnahme mit uns oder auch erstmal per Mail. Wir gehen dann in persönliche Gespräche, um uns gegenseitig gut kennenzulernen und auch die Möglichkeiten und Grenzen der Familie herauszufinden. Wir prüfen die gesundheitliche Situation ab und es darf kein belastender Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis bestehen. Für ein Kind sollte ausreichend Platz in der Wohnung sein und es sollte sich willkommen fühlen. Ein eigenes Zimmer ist zum Beispiel keine zwingend erforderliche Voraussetzung.
Außerdem bieten wir ein Seminar an, das fünf Abende umfasst. Hier erhalten zukünftige Pflegeeltern alle wichtigen Infos, die sie im Alltag brauchen, lernen gleich andere Familien kennen und wachsen dadurch gut in ihre neue Aufgabe rein.

Redaktion: Wie unterstützen und begleiten Sie die Pflegeeltern?
Martina Bruhn: Die Pflegefamilie wird durch ihre Fachberaterin engmaschig begleitet. Dazu finden neben telefonischen Beratungen auch immer wieder Hausbesuche statt. Da wir gerne mit unseren Familien auf Augenhöhe arbeiten, ist dies auch für uns sehr wichtig. Es finden ein bis zweimal jährlich sogenannte Hilfeplangespräche statt, wo wir insbesondere die weiteren Ziele zusammen formulieren und so Stück für Stück das Kind in seiner Entwicklung begleiten.
Unsere Pflegefamilien erhalten von uns Angebote der Fortbildung, wir bieten Austauschabende mit anderen Pflegefamilien an und einmal jährlich wird gemeinsam gefeiert. Das sind auch für unser Team immer wieder ganz besondere Momente, wo man sich ungezwungen begegnen kann.

Redaktion: Welche finanziellen Leistungen oder Sachleistungen gibt es für Pflegeeltern?
Martina Bruhn: Das ist natürlich ein sehr wichtiger Punkt. Grundsätzlich gilt, dass der Lebensunterhalt des Kindes über das Jugendamt gedeckt wird. Zum einen gehört dazu, dass wir den Wohnraum für das Kind ausstatten und laufend Pflegegeld für den alltäglichen Bedarf leisten. Das Pflegegeld setzt sich zusammen aus dem Sachaufwand und den Kosten der Pflege und Erziehung, also der Leistung der Pflegefamilien. Für verschiedene Anlässe werden Beihilfen und Zuschüsse gewährt, auch für die Altersvorsorge der Pflegeperson.
Wichtig ist mir zu verdeutlichen, dass im Schwarzwald-Baar-Kreis hier deutlich mehr gewährt wird. Dies liegt daran, weil Verwaltung und Kommunalpolitik anerkannt haben, dass die Pflegekinderhilfe eine sehr wichtige Arbeit für Kinder leistet und deshalb auch finanziell gut gestellt werden muss. Deshalb erhalten Familien im Schwarzwald-Baar-Kreis nach Abschluss des Seminars erhöhtes Pflegegeld für die ersten zwei Jahre. Das würde beispielsweise für ein Kind mit unter sechs Jahren bedeuten, dass wir monatlich 1.642 Euro Pflegegeld leisten. Bei einem Säugling oder Kleinkind, das aufgenommen wird, hat die Pflegeperson Anspruch auf Elternzeit, nicht aber auf Elterngeld. Wenn die Pflegefamilie direkt mit dem Jugendamt zusammenarbeitet und für das erste Jahr auf eine Fremdbetreuung des Kindes verzichtet, können zusätzlich 500 Euro monatlich an elterngeldähnlichen Leistungen gewährt werden. Dadurch kann im Übrigen der Beziehungsaufbau zwischen der Bezugsperson und dem Kind in der ersten Zeit zusätzlich verstärkt werden.

Redaktion: Was berichten Ihnen Pflegeeltern aus ihrem Alltag? Welche Herausforderungen gibt es, welche besonderen Erlebnisse berichten Pflegeeltern?
Martina Bruhn: Zu Beginn eines jeden Pflegeverhältnisses geht es erst einmal darum, sich kennen zu lernen. Oft erleben Pflegefamilien hier eine Phase der Anpassung des Kindes an seine neue Umgebung und ein vorsichtiges Annähern. Mit der Zeit öffnen sich die Kinder zunehmend und integrieren sich in den familiären Alltag. Das ist natürlich je nach Vorerfahrungen ganz unterschiedlich. Wenn das Pflegekind z.B. viel Unsicherheit erlebt hat, dann muss es erst wieder lernen, Vertrauen in nahestehende Bezugspersonen zu entwickeln. Das braucht oftmals Zeit und Geduld von Seiten der Pflegefamilie.
Im Alltag mit Pflegekindern können immer wieder Alltagssituationen zu unerwarteten Reaktionen des Kindes führen. Z.B. könnte eine Ablehnung durch andere Kinder ein Gefühl der Verzweiflung beim Pflegekind auslösen, weil es sich insgesamt abgelehnt fühlt und es nach und nach lernt, dass es trotzdem anerkannt und geliebt wird. Auch hier spielen die bisherigen Erfahrungen eine große Rolle.
Pflegekinder haben in der Regel schwierige Erfahrungen gesammelt. Dazu gehören z.B. Vernachlässigungen oder Gewalterfahrungen. Häufig erleben wir aber auch, dass die Eltern oder ein Elternteil gesundheitlich an die Grenzen kommen und es ihnen deshalb nicht mehr gelingt, selbst für ihre Kinder zu sorgen.
Die Geschichte des Kindes zu kennen, hilft den Pflegefamilien sehr, die vielleicht ungewöhnlichen Reaktionen oder Verhaltensweisen besser einordnen zu können. Pflegeeltern versuchen, die Situation aus der Sicht des Kindes zu betrachten und so den „guten Grund“ für dieses Verhalten zu verstehen. Wir sagen auch immer wieder, dass wir versuchen, „durch die Brille des Kindes“ zu schauen.
Oft hilft hier auch das Gespräch mit der Fachberaterin des Pflegekinderdienstes, um die Zusammenhänge besser einordnen zu können.
Wie in allen Familien wird es auch in der Pflegefamilie nochmal spannend, wenn sich das Pflegekind in der Pubertät befindet. Das Pflegekind ist dann teilweise doppelt herausgefordert, sich mit beiden Familien und der eigenen Rolle im jeweiligen Kontext auseinander zu setzen.

Redaktion: An wen können sich Interessierte direkt wenden, wenn sie Fragen haben oder sich melden möchten?
Martina Bruhn: Sie melden sich einfach unter pflegekinderdienst@Lrasbk.de oder auch telefonisch bei mir, Telefon: 07721 913-7806.

Redaktion: Gibt es eine persönliche Beratung, um sich zu informieren?
Martina Bruhn: Sehr gerne nehme ich mir Zeit für ein persönliches Gespräch. Einen Termin können wir gerne telefonisch vereinbaren oder Interessierte schreiben mich persönlich an unter m.bruhn@Lrasbk.de 

ZUR PERSON
Martina Bruhn ist im Pflegekinderdienst im Jugendamt des Landratsamtes Schwarzwald-Baar-Kreis als Teamleitung tätig. Das Team besteht aus zehn Kolleginnen aus der Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Erziehungswissenschaft. Der Fachdienst begleitet und berät die Pflegefamilien für die Dauer es Pflegeverhältnisses. Dabei hat jede Familie ihre feste Ansprechpartnerin. Wenn Pflegefamilien Fragen im Alltag haben oder Unterstützung für das Pflegekind notwendig wird, stehen wir an der Seite unserer Familien und arbeiten eng zusammen. Zu den Aufgaben gehört zudem die Werbung, Vorbereitung und Schulung der interessierten Familien.
Der Adoptionsdienst mit seinen besonderen Aufgaben ist ebenfalls Teil unseres Fachbereichs. Hier sind zwei Mitarbeiterinnen mit ihrem Spezialwissen insbesondere zu pädagogischen und rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit dem Thema Adoption tätig.