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18.08.2026

Kreisarchiv probt Katastrophenfall - Bergung von Archivgut

Wenn Archivgut nass wird, bleiben wenige Stunden, um es zu bergen und einzufrieren. Wer dann erst anfängt zu überlegen, wie mit der Situation umzugehen ist, hat von vornherein verloren. Im Kreisarchiv wurde deshalb jetzt der Ernstfall geprobt.

Angesichts der brütenden Hitze am Villinger Hoptbühl, erscheint an diesem Tag jede Erfrischung hoch willkommen. Doch die Behälter mit den schwimmenden Akten wirken dann doch wenig einladend für ein Armbad, braun-grün hat sich das Wasser darin seit dem Vortag verfärbt. Leim, Druckerschwärze, Stempelfarbe und Staub haben sich seither im Wasser gelöst. „Wenn das Wasser aus der Kanalisation hochdrückt oder mit Schaum gelöscht wurde, ist das Ganze nicht besonders gesund, aber auch nicht ungesund,“ hatte Diplom-Restauratorin Anna Coulon im theoretischen Teil am Morgen referiert. Also Mut gefasst und rein ins glitischige Nass und nach erstem Probieren, schwinden die Vorbehalte und es stellt sich auch im Umgang mit nassen Akten einige Routine ein.
Genau um diese Routinen geht es bei dem Workshop, den das Kreisarchiv organisiert hat. Wer sich tagaus, tagein um die dauerhafte Erhaltung von historischen Unterlagen bemüht, mag sich deren Durchnässung nicht vorstellen. Aber im Fall der Fälle muss das Richtige getan werden und es muss richtig getan werden, und dafür ist eine sorgfältige Planung im Voraus notwendig.

Das beginnt schon damit, dass man im Kampf gegen die Uhr nicht erst damit anfangen sollte, die notwendigen Utensilien zusammenzusuchen. In den Archiven ist deshalb in den letzten Jahrzehnten die Bereithaltung von Notfallboxen üblich geworden, die alle notwendigen Materialien enthalten, um in den ersten Tagen nasses Archivgut versorgen zu können. Das Kreisarchiv Schwarzwald-Baar-Kreis hat im vergangenen Jahr mit großzügiger Förderung durch die „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ in Berlin, die im Auftrag des Bundes tätig ist, eine solche Notfallbox beschafft: Gummistiefel, Taschenlampen, Türkeile, Handschuhe, Stretchfolie, Folienbeutel in allen Größen und sogar ein Generator, der Strom für Licht erzeugen kann – alles da. Aber mit bloßem Kaufen und Einlagern ist es nicht getan. Deshalb wird der praktische Umgang mit den hilfreichen Materialien an diesem heißen Sommertag geübt.

Das Kreisarchiv hat zu diesem Anlass Kolleginnen und Kollegen aus Kulturgutinstitutionen in der Region eingeladen und dazu die Papierrestauratorin Anna Coulon aus Emmendingen, die den Workshop leitet. Am Morgen gibt es zunächst eine theoretische Einführung am Seminartisch über all das, was man bei der Bergung gut, aber auch – und vor allem – falsch machen kann. Coulon war an der restauratorischen Behandlung der Bestände des Historischen Archivs der Stadt Köln beteiligt, das 2009 in einen daneben gebauten U-Bahn-Schacht stürzte und eine der größten Bergungsaktionen in der deutschen Nachkriegsgeschichte auslöste, und hat dabei viele Erfahrungen sammeln können. So eine Katastrophe wie in Köln wird sich hoffentlich niemals mehr wiederholen. Dass aber Archivbestände durch einen Wasserrohrbruch, durch Starkregen, Überschwemmung oder auch einen Feuerwehreinsatz nass werden können, kann trotz aller Vorsicht gerade in Zeiten des Klimawandels nicht ausgeschlossen werden. Sobald dann keine Gefahr für Leib und Leben mehr besteht, gilt es, das Kulturgut zu retten. Wenn es geborgen und verpackt werden kann, bevor sich Schimmel bildet, bestehen gute Chancen, es durch Tieffrieren und anschließende Gefriertrocknung noch zu retten.

Damit die einzelnen Stücke beim Einfrieren nicht aneinanderkleben, müssen sie vorher in Plastikfolie eingeschlagen werden und zwar so, dass noch möglichst viel Wasser abfließen kann. Und weil sich die Bucheinbände beim Gefriertrocknen verformen würden, werden sie mit Mullbinden bandagiert. Bevor die triefenden Stücke so behandelt werden, werden sie aber erst einmal nach Bedeutung und Schaden getrennt und einzeln dokumentiert. Denn schließlich will man wissen, welches Archivgut von einem Schaden betroffen wurde.

Am Nachmittag stehen dann alle mit Handschuhen und Schürzen vor den Kübeln mit dem durchnässten „Archivgut“. Die „Aktendummys“, die das Kreisarchiv eigens aus Papieren ohne datenschutzrechtlich relevante Inhalte gebastelt hatte, und Buchdubletten wurden am Vortrag gewässert und hatten genügend Zeit, gehörig durchzuweichen. Das Wichtigste ist deshalb auch die ungewohnte Haptik. Ein zu fester Griff und man hat die ganze Hand voll Papiermasse. An dieser Stelle endet alle Theorie und man muss es „einfach mal gemacht“ haben, freilich mit der Theorie im Kopf. Nach anfänglicher Skepsis ordnet sich das Bild dann auch zu einer gut geordneten Arbeitsstraße vom „Bergen“ über das Dokumentieren, Verpacken und Bandagieren bis zur Ablage auf Paletten, die dann ins Kühlhaus befördert würden. Je nach Größe des Schadens könnte man so in mehreren Schichten arbeiten. Die Notfallbox des Kreisarchivs, die so konzipiert ist, dass sie mit einem größeren PKW leicht an jeden Ort im Kreis transportiert werden kann, würde für die ersten Tage ausreichend Arbeitsmaterialien hergeben.

Am Ende des Nachmittags fordert dann doch noch die Hitze ihren Tribut. Alle Workshopteilnehmer sind von der Arbeit mitgenommen, aber auch stolz auf das Geleistete und die theoretisch und praktisch angeeigneten Fertigkeiten. „Besser ist es,“ bemerkte eine Teilnehmerin etwas versonnen, „wenn nichts passiert.“ Und in der Tat: Trotz aller Mühen lässt sich ein Wasserschaden an Archiv- und Bibliotheksgut nicht einfach ungeschehen machen, sondern bliebe den Stücken für alle Zukunft anzumerken. Dass es diese Zukunft aber nach einem Schadensfall überhaupt noch geben kann, ist das befriedigende Ergebnis dieses Tages.