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13.05.2019

Kurzweiliger Vortrag im Landratsamt zum Jubiläum der badischen und württembergischen Verfassung

Dass Geschichte nicht schwerfällig sein muss, zeigte der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Schnabel, der im Landratsamt über die badische und württembergische Verfassung von 1818/19 sprach.

Landrat Sven Hinterseh eröffnete den Abend mit einer eindringlichen Mahnung zum Res-pekt vor dem Grundgesetz und, angesichts der bevorstehenden Kommunal- und Europawahl zur bewussten Wahrnehmung des Wahlrechts. Den steinigen Weg zu diesen historischen Errungenschaften zeichnete Professor Schnabel in seinem kurzweiligen Abendvortrag nach.

„Ehrlich gesagt bin ich wegen des Referenten da und nicht wegen des Themas“, gestand eine Besucherin, „und bin von seinem Vortrag begeistert!“. Professor Schnabel, langjäh-riger Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, verstand es, sein Publikum, unter dem sich auch Ministerpräsident a. D. Erwin Teufel befand, in den Bann zu ziehen und bewies damit, dass das Thema Verfassungen nur vermeintlich spröde ist. Mit viel Humor skizzierte er die Entwicklungslinien, die zum Erlass der Verfas-sungsdokumente vor 200 Jahren führten und hatte dabei durchaus mit Überraschungen aufzuwarten. Denn die badische Verfassung, Leuchtturm des südwestdeutschen Libera-lismus („Wir können bis heute stolz darauf sein“), kam unter widrigen Bedingungen in einer politischen Krisensituation und aus eher rückwärtsgewandten Intentionen zustande. Dem kranken und misstrauischen Großherzog musste die Zustimmung bei einem Kuraufenthalt in Bad Griesbach regelrecht abgerungen werden und der Fürst fand sich auch nicht zu einer Unterschrift, sondern lediglich zu einer Paraphe bereit, wie sie bei er Abzeichnung von gewöhnlichem Geschäftsschriftgut üblich war. Anders als in Württemberg, wo man 1819 aufwendige Schmuckurkunden herstellen ließ und öffentlich austauschte, ist das Original der badischen Verfassung deshalb ein sehr unspektakuläres Schriftstück. Das Volk dankte dem Großherzog die neuen Freiheiten trotzdem mit regelrechten Begeisterungsstürmen. Und als man 1843 das Verfassungsjubiläum beging, fand in Villingen sogar ein Festumzug statt, in dessen Zentrum ein Träger mit der „Verfassungsurkunde“, rot eingebunden „und auf einem roten Samtkissen ruhend“, schritt, weil man sich zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen konnte, dass es ein solches Schmuckdokument gar nicht gab. Für das noch junge und 1806 um das neunfache vergrößerte Land Baden war die Verfassung enorm wichtig, denn sie gewährte bürgerliche Teilhabe am Staat und schuf eine gemeinsame badische Landesidentität. „Ohne die Verfassung hätte Baden vermutlich nicht auf Dauer existiert,“ so Schnabel.

Die fehlende Urkundenausfertigung sorgte übrigens auch später noch für Verwicklungen: 1919 ließ man danach vergeblich im Archiv suchen und bei einer Ausstellung im „Haus der Geschichte“ 1996 musste man notgedrungen die württembergische Urkunde und den paraphierten Text aus Baden nebeneinander ausstellen. „Da haben die Leute gesagt: Das ist wieder typisch, für Württemberg zeigt ihr eine Urkunde und für Baden nur einen Fresszettel...“

Zum Austausch über die historischen Ereignisse und historische Befindlichkeiten bestand beim anschließenden Empfang noch lange Gelegenheit.